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    • Die Grounded Theory ist keine einzelne Erhebungs- oder Auswertungsmethode, sondern eine Konzeption des sozialwissenschaftlichen Erkenntnis- und Forschungsprozesses. Idee, Forschungsfrage, Datensammlung, -analyse, Theorieformulierung und Ergebnisberichterstellung sind verschränkt. Alheit (1999, S. 8) spricht deshalb von "Erkenntnisspiralen": empirisches Material wird zur Theoriebildung genutzt, darauf aufbauend neues Datenmaterial erhoben, dieses zur Schärfung und Weiterentwicklung der Analyse und Theoriebildung genutzt und so weiter. 

      Die empirische Vorgangsweise hat drei Schlüsselelemente:

      1. das theoretische Sampling: die Auswahl orientiert sich an der fortlaufenden Datenerhebung und -analyse,
      2. das offene Kodieren: liefert dichte Beschreibungen und ist Voraussetzung für die Theorieentwicklung und strukturiert das theoretische Sampling,
      3. das Verfassen von Memos, um die Theorie zu formulieren und den Forschungsprozess zu reflektieren.

      Die Entwicklung gezielter Fragestellungen und Hypothesen kann im Laufe der Forschung, also basierend auf den Erkenntnissen, aus den wiederholten Analysen des Datenmaterials erfolgen. Sie muss nicht notwendigerweise zu Beginn des Forschungsprozesses stattfinden.

      Eine Forschungsarbeit darf sich nicht „grounded“ nennen, wenn einzelne Elemente wie das theoretische Sampling oder die offene Kodiertechnik angewendet werden, sondern nur wenn der vollständige Forschungsprozess dem Gesamtkonzept entspricht.

       
      Ressourcen

      Böhm, A. (2004). Theoretical coding: Text analysis in grounded theory. In: Flick, U., Kardorff, E.v., Steinke, I. A companion to qualitative research. London: Sage: 270-275.

      Alheit, P. (1999). Grounded Theory. Ein alternativer methodologischer Rahmen für qualitative Forschungsprozesse. Göttingen: Universität Göttingen.

      Charmaz, K. (2014). Constructing Grounded Theory (2nd Edition). London: Sage.

    • Theoretische Sensibilität & Offenheit der Forschenden

      Theoretische Sensibilität bezeichnet die Fähigkeit von Forschenden, empirische Phänomene so wahrzunehmen, zu verstehen und zu beschreiben, dass zentrale Muster, Zusammenhänge, Regeln/Konventionen und auch Strukturen erkennbar werden. Es handelt sich dabei also um eine Kompetenz, die sich im Verlauf des Forschungsprozesses und durch zunehmende Erfahrung mit dem Forschungsthema entwickelt. Sie entsteht unter anderem durch die Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Literatur, durch berufliche Praxis, persönliche Erfahrungen und andere Perspektiven (z. B. popkulturelle Inhalte) auf das Forschungsfeld. Die/der Forschende sollte genügend Offenheit für das Forschungsfeld haben, um nicht nur aus einer festgefahrenen Perspektive (die z. B. durch einseitiges theoretisches Vorwissen entsteht) zu beobachten. Gleichzeitig muss sie/er genügend Vorwissen haben, um die Geschehnisse grundlegend nachvollziehen und beschreiben zu können. (Vgl. Alheit, 1999)

      Zentral ist dabei, aufmerksam für die Vielschichtigkeit und Feinheiten des empirischen Materials zu sein. Forschende sollen also in der Lage sein, mit steigender Interaktion mit dem Forschungsfeld auch subtile Hinweise, Bedeutungen oder Zwischentöne in den Daten wahrzunehmen und diese zu einem stimmigen analytischen Verständnis zusammenzuführen. Ziel ist daher, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Aspekte in den erhobenen Daten besonders relevant sind und folglich, worauf der analytische Blick gerichtet werden sollte.

      Ressource:

      Alheit, P. (1999). Grounded Theory. Ein alternativer methodologischer Rahmen für qualitative Forschungsprozesse. Göttingen: Universität Göttingen.